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06.12.2012 (22): Carmen, die Nachbarin

Leider fühlte sich Oma immernoch nicht gesund, wollte aber, dass ich dennoch mit Carmen die Tour mache.
Abgesprochen war, dass ich alles bezahle, also ihr Essen, Eintritt, den Sprit etc. Das war ok für mich, denn immerhin bekam ich so auch mal etwas von Guatemala zu sehen.
Zu Beginn fuhren wir auf den Zentralmarkt. Dort gab es unendlich viele Früchte, Gemüse, Souvenirs, aber auch Kleidung oder Möbel. Irgendwie alles. Ich hatte ein in Fett triefendes irgendwas probiert, sah ganz lecker aus, schmeckte aber total ekelhaft. Ich erklärte Carmen, um sie nicht zu beleidigen, dass es mir lediglich zu süß war und gab es einem Obdachlosen, der sich darüber freute und es gleich wegschlabberte.
Danach sind wir auf den Zentralfriedhof gefahren. In meinem Reiseführer steht, der ist etwas gefährlich, aber da er bewacht war und man den Friedhof mit dem Auto befahren ist, habe ich keine Angst gehabt.
Die Friedhöfe sind hier ganz anders als in Deutschland, jede Familie hat so ein Häuschen, indem dann alle drin liegen. Und sie sind bunt. Irgendwie finde ich die Friedhöfe hier schön.
Danach sind wir zu dem Friedhof gefahren, auf dem mein Opa liegt. Wollte doch wenigstens mal "Hallo" sagen, wenn ich schonmal da bin. Leider 8 Jahre zu spät, denn mein Opa starb an einem plötzlichen Herzinfarkt. Dieser Friedhof war anders, keine Häuser, keine Gräber. Lediglich ein Stein auf einem riesigen Feld Rasen. Anschließend ging es zum Amatitlán-See. Der Süßwassersee füllt eine vulkanische Caldera und ist etwa 15 km² groß. In den Amatitlán-See wurden bis 2005 ungeklärte Abwässer der Hauptstadt eingelassen. Durch ein Sanierungsprojekt konnte die Wasserqualität mittlerweile wesentlich verbessert werden, trotzdem war das Wasser sehr dreckig. Aber eine Bootstour haben wir dennoch gemacht.
Nach dem Essen im Restaurant Santa Teresita sind wir zurückgefahren, denn ich hatte gesagt, dass ich im Hotel schlafen möchte, obgleich sie mich immer wieder überreden wollte, bei Oma zu schlafen. Da ich das Hotel aber bezahlt hatte und auch keine Lust mehr auf den Stress mit Oma hatte, blieb ich hartnäckig.
Als ich mich dann von Oma verabschieden wollte, sagte sie mir, dass ich nichts erzählen dürfte, was in ihren Wänden gewesen ist. Tja, zu spät, steht bereits alles in meinem Blog. Ich sagte ihr, dass ich mich daran nicht halten werde und ich mich einfach nur in Frieden von ihr verabschieden möchte, weil ich denke, dass es besser für unser Verhältnis ist und weil ich ihr keine Last sein möchte. Dann teilte sie mir mit, dass ihr Herz total verletzt ist und sie Schmerzen hat, weil ich gehe. Sie ist verletzt, weil ich lieber in einem Hotel wohnen möchte, als bei ihr. Ich versuchte ihr den Grund zu erklären, aber sie verstand es nicht. Stattdessen teilte sie mir wieder mit, wie schlecht meine Familie in Deutschland ist, wie kaltherzig die Deutschen sind und dann fing sie wieder mit dem Vater-Thema an... als ich ihr dann mitteilte, dass ich keinen Vater, sondern lediglich einen Erzeuger habe und darüber auch nicht mehr diskutieren möchte, sagte sie mir, dass, wenn ich meinen Vater verstoße, ich damit auch die Familie verstoße, denn schließlich ist es ja ihr Sohn. Dass ich aber zwischen einzelnen Personen unterscheide, konnte ich ihr nicht erklären. Sie machte mich so wütend, dass ich aufstand und ging und ihr zuvor noch sagte, dass ich mir nichts in den Mund legen lasse und sauer bin. Nachdem ich aufgestanden bin, rief sie sofort Diana an und erzählte ihr alles (auch, dass ich angeblich gesagt habe, dass ich die Familie hasse!!!) und bat sie, einen Arzt zu rufen, da sie Herzschmerz habe. Ich habe ihr dann auch deutsch zugerufen, dass sie das Theater lassen soll und bin zu Carmen geflüchtet.
Ich war keine 5 Minuten bei Carmen, klingelte sie an der Tür und meinte, Carmen und ihrer Tochter mitteilen zu müssen, was vorgefallen war. Ich hatte damit kein Problem (wenngleich ich auch dachte "was geht die das an?") und bat sie jedoch, wenigstens diesmal bei der Wahrheit zu bleiben. Sie fing an, ihrer Nachbarin zu erzählen, dass ich ein Teufel bin und dass man in meinem Augen das Böse sieht. Und dann wieder die Vater-Geschichte, die mir mittlerweile zu den Ohren raushängt. Anfangs habe ich noch gelacht und versucht, das ins Lächerliche zu ziehen, später hat es mich aber doch sehr getroffen, zumal sie auch über meine "schlechte und kaltherzige Familie" in Deutschland gesprochen hatte (die sie ja gar nicht kennt!) - ich fing an, bitterlich zu weinen. Nun kam Carmen ins Spiel, sie bat mich, mich bei Oma zu entschuldigen und umgekehrt. Ich entschuldigte mich (für was auch immer), Oma sagte jedoch nichts. Dann mussten wir uns anfassen und beten. Das Gebet von Carmen ging gefühlte 10 Minuten und ich heulte und schluchzte, weil ich mich fragte, womit ich das alles verdient habe. Ich habe meine Familie gesucht, kennenlernen wollen, habe diese Reise auf mich genommen, ein Jahr dafür gespart, meinen ganzen Urlaub dafür genommen und dann so etwas???
Nachdem wir uns dann verabschiedet hatten, sind Carmen und ich in mein Hotel gefahren und haben dort eingecheckt. Als ich im Bett lag, habe ich jedoch noch einen Brief an Amparo geschrieben...

"Abuelita, ich liebe Dich sehr, aber ich muss in Deinem Haus jeden Tag weinen und mein Herz ist sehr verletzt. Alles, was ich mache ist falsch und wenn ich Spass habe, vermiest du ihn mir oder machst dich lustig über mich,sogar in meiner Anwesenheit (und denkst dann,ich verstehe es nicht,aber ich verstehe sehr gut). Ich fühle mich missverstanden und als erwachsene Frau nicht respektiert. Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich mir ein Hotel gesucht habe und von dort aus nun meine Zeit in Guatemala verbringen möchte.
Mach dir keine Sorgen um mich, mir wird es gut gehen, denn ich fühle mich in Guatemala sehr wohl. Ich habe mir das alles anders vorgestellt, herzlicher. Wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet, immerhin sind wir halt doch zwei verschiedene Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben, von zwei verschiedenen Kontinenten kommen, andere Gewohnheiten und Einstellungen haben. In Berlin lebe ich sehr frei und unabhängig, ich kann mit meinen Rad fahren, Freunde treffen, einkaufen gehen oder einfach nur spazieren gehen. Das kann ich hier nicht und es fehlt mir auch. Ich bin ein sehr sensibler Mensch. Um unser Verhältnis nicht zu zerstören und weiterem möglichen Streit aus dem Weg zu gehen, werde ich diesen Weg gehen.
Ich danke dir für die Zeit und alles, was du für mich getan hast. Wenn du nach Berlin kommen möchtest, steht meine Tür dir jederzeit offen."

12.12.12 00:55

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(12.12.12 11:41)
Wenn man unter den Umständen das Haus der Oma verlässt ist das richtig und ist für beide das Beste. 71 und 28 , verschiedene Kulturen und fremde Abläufe auf dem Dorf in der Fremde, dazu die Schatten der Vergangenheit - das passt nicht. Wenn man am Ende dann noch so ein wunderbaren Brief schreiben kann erkenne ich kein Teufel.nichts teuflisches. Ich drücke die Daumen dass die Oma das erkennt und zur Kenntnis nimmt dass eigentlich sie Teufel ist. Sonst muss ich ihr das mal schreiben.

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